Wissenschaftliche Aufarbeitung
Die wissenschaftliche Untersuchung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen ist ein zentraler Pfeiler des gesamten Aufarbeitungsprozesses. Die aus der wissenschaftlichen Aufarbeitung gewonnenen Ergebnisse sollen insbesondere dazu beitragen, zu verstehen, weshalb und wie die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen angeordnet und vollzogen worden sind. Es soll auch untersucht werden, welche Auswirkungen sie auf die Betroffenen und ihr Umfeld hatten und auch heute noch haben.
Eine aktuelle Übersicht von Forschungsarbeiten und Medienproduktionen zum Thema finden Sie auf der Datenbank der Webplattform «erinnern für morgen»
Der Bundesrat hat 2014 eine Unabhängige Expertenkommission (UEK) eingesetzt, die sich insbesondere mit der Geschichte und den Mechanismen der administrativen Versorgungen auseinandergesetzt hat (Auftragsende 2019). Ergänzend zu den Arbeiten der UEK wurde ein Nationales Forschungsprogramm (NFP 76 «Fürsorge und Zwang – Geschichte, Gegenwart, Zukunft») mit der umfassenden wissenschaftlichen Aufarbeitung aller Betroffenengruppen mit explizitem Bezug zur Gegenwart und Zukunft betraut.
Die Arbeiten der UEK und des NFP 76 sind aufeinander abgestimmt und ergänzen sich inhaltlich, sodass ein möglichst umfassendes Bild der verschiedenen fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen entstehen kann. Dabei hat insbesondere auch der Gegenwartsbezug - namentlich beim NFP 76 - ein grosses Gewicht.
Unabhängige Expertenkommission (UEK) zur Aufarbeitung der administrativen Versorgungen
Die UEK untersuchte von 2014 bis 2018 die administrativen Versorgungen in der Schweiz. Die Forschungsergebnisse und der Schlussbericht wurden im Herbst 2019 in 10 Bänden veröffentlicht. Die Arbeiten der UEK haben gezeigt, dass es sich bei den administrativen Versorgungen um ein Phänomen mit grosser Tragweite gehandelt hat. Über das ganze 20. Jahrhundert wurden schweizweit mindestens 60 000 Personen in rund 650 Anstalten administrativ versorgt, ohne dass diese Personen ein Delikt begangen und gerichtlich verurteilt worden sind.
- «Administrative Versorgungen: Die Rehabilitierung der betroffenen Personen steht erst am Anfang»
Medienmitteilung der UEK vom 2. September 2019 - Zentrale Erkenntnisse der UEK Administrative Versorgungen
- Umfassende Informationen zu den Arbeiten der UEK
NFP 76 «Fürsorge und Zwang - Geschichte, Gegenwart, Zukunft»
Der Bundesrat hat im Februar 2017 den Schweizerischen Nationalfonds SNF mit der Durchführung des Nationalen Forschungsprogramms «Fürsorge und Zwang - Geschichte, Gegenwart, Zukunft» (NFP 76) beauftragt. Dieses NFP untersuchte die Thematik umfassend und mit interdisziplinären Ansätzen.
Insgesamt 29 Forschungsprojekte befassten sich mit den Merkmalen, Mechanismen und Wirkungsweisen der schweizerischen Fürsorgepolitik und -praxis, identifizierten mögliche Ursachen für integritätsverletzende sowie integritätsfördernde Fürsorgepraxen und untersuchten deren Auswirkungen auf die Betroffenen.
Die Erkenntnisse des NFP 76 wurden öffentlich zugänglich gemacht und mit interessierten Kreisen diskutiert mit dem Ziel, die wissenschaftliche Stimme im Themenbereich von Fürsorge und Zwang verstärkt einzubringen und damit Entscheidungsträgerinnen und -trägern wissenschaftlich abgestütztes Orientierungswissen sowie Handlungsimpulse zur Verfügung zu stellen.
Das NFP 76 präsentierte seine Ergebnisse in drei thematischen Buchbänden und in der Abschluss-Synthese «Eingriffe in Lebenswege» mit zehn Impulsen. Darüber hinaus geben die Website sowie die Forschungsdatenbank einen Überblick über die einzelnen Projekte und deren Publikationen.
- NFP 76 «Fürsorge und Zwang - Geschichte, Gegenwart, Zukunft»
- Forschungsdatenbank NFP 76
- Abschluss des Nationalen Forschungsprogramms «Fürsorge und Zwang»
Medienmitteilung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI vom 13. August 2025
Weitere Forschung
Die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen wurden bis anhin vielgestaltig und methodisch breit untersucht.
Nebst den beiden oben vom Bund in Auftrag gegebenen, gesamtschweizerisch ausgelegten Forschungsprojekten, tragen auch die Kantone, Städte und Gemeinden sowie Institutionen (Kirche, Heime, Vollzugsanstalten, Psychiatrische Kliniken etc.) und Fachverbände als Auftraggebende massgeblich zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen bei. Eine Vielzahl von Studien wurden und werden gefördert und unterstützt, die spezifisch kantonale, lokale Bezüge herstellen und einzelne Institutionen im Blick haben.
Überdies existiert eine Vielzahl an Hochschularbeiten und Studien zum Thema, die zum Teil auch im Rahmen von SNF-Förderprogrammen (Sinergia-Projekt «Placing Children in Care») oder anderer Nationaler Forschungsprogramme (z. B. NFP 51 «Integration und Ausschluss» und NFP 58 «Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft») entstanden sind.
- Sinergia-Projekt «Placing Children in Care»
- NFP 51 «Integration und Ausschluss»
- NFP 58 «Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft»
Weitere Infos
Bundesamt für Justiz
Bundesrain 20
CH-3003 Bern